Durch ein aktuelles Urteil des Bundesgerichtshofes müssen alleinerziehende Elternteile wesentlich früher wieder einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen, als bisher. Einen Anspruch auf Unterhalt gibt es grundsätzlich nur noch für drei Jahre. Sind damit Alleinerziehende automatisch die Verlierer?
Kinder zu erziehen, das bedeutet auf viele eigene Bedürfnisse zu verzichten, letztendlich meistens auch auf Beruf und Karriere. Gerade im ländlichen Bereich mangelt es an geeigneten Kinderbetreuungsmöglichkeiten, Alleinerziehende sind bei der Kinderbetreuung auf Grosseltern und soziale Netzwerke angewiesen. Sind solche Kinderbetreuungsmöglichkeiten vorhanden, so kann Alleinerziehenden bereits mit Grundschulkindern wieder eine Vollzeitstelle zugemutet werden, sofern eine Kinderbetreuung sichergestellt werden kann.
Was aber ist mit den Frauen, die durch Hausarbeit und Kindererziehung dem mann den Rücken freigehalten haben, diesem eine Berufstätigkeit und eine Karriere ermöglicht haben? Ist es fair, dass hier auf einmal eine Aufnahme einer Vollzeittätigkeit gefordert wird, wo die Frau während der Beziehung doch jahrelang gut genug dafür war zuhause zu bleiben und sich um Haushalt und Kinder zu kümmern?
Lange Zeit war es so, dass nach einer Scheidung die Frau die Kinder und der Mann die Rechnung bekam. Zumindest die Rechnung soll nun, nach dem jüngsten Urteil des Bundesgerichtshofs, aufgeteilt werden. Junge Mütter werden angehalten, wieder früher arbeiten zu gehen. 23 Prozent weniger als die Männer verdienen Frauen hierzulande, so jüngste Untersuchungen. Mit diesen Unterschieden zwischen den Geschlechtern stehen wir damit an Position 7 in Europa. Doch sie ergeben sich nur zu geringen Teilen daraus, dass gleiche Arbeit ungleich bezahlt wird. In der Hauptsache sind die Auszeiten, die Frauen der Kinder wegen nehmen, daran schuld. In keinem europäischen Land bleiben die Frauen nach der Geburt eines Kindes so lange zu Hause wie bei uns - drei Jahre und oft auch mehr. In Deutschland beeinträchtigt die Verantwortung für ein Kind die Erwerbsbeteiligung von Frauen gravierender als in vielen anderen Ländern, so ein Report der Bundesregierung. Hauptursache ist jedoch meistens die fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeit.
In Schweden oder Portugal sind zwischen 70 und 84 Prozent der Frauen mit zwei und mehr Kindern berufstätig. Bei uns sind es 56 Prozent - 20 Prozentpunkte weniger als bei den kinderlosen Frauen. Ist es da nicht an der Zeit, dass die inzwischen oft besser als die jungen Männer ausgebildeten jungen Frauen ihren Teil in der Arbeitswelt übernehmen und behalten? Und die jungen Männer Familienaufgaben wie Kochen und Einkaufen übernehmen und von einem altmodischen Rollenmodell Abschied nehmen, nach dem der Mann arbeiten geht und die Mutter die Kinder erzieht? Zumal Berufstätigkeit neben einer Partnerschaft als stärkster Glücksfaktor im Leben eines Menschen gilt.
Die Regelung, die jetzt plötzlich eine Rückkehr Alleinerziehender ins Berufsleben fordert, erscheint unfair, weil sie in traditionell gewachsene Rollenbilder eingreift. Was zu Zeiten der Partnerschaft als angenehm und gegeben hingenommen wurde wird nach der Trennung durch ein Gerichtsurteil und die Unterhaltsreform in Frage gestellt.